Carlos Garrido

Deià hat etwas von einem kosmischen Amphitheater. Die Ortschaft schmiegt sich an die Hänge des Teix. Manchmal verfangen sich die Wolken zwischen den Felsen, als ob sie aus Watte wären. Im Winter steigt aus den Kaminen feiner, gräulicher Rauch auf, der sich hoch am Himmel auflöst. Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Grüntöne es hier gibt. Hell, voller Licht, oder dunkel und matt. Und in der Ferne hört man einen Sturzbach in die Tiefe rauschen.

Robert GravesAber gerade in den Vollmondnächten erwacht eine ganz besondere Magie zum Leben. Das Mondlicht lässt die Formen der Gebäude und Bäume klar hervortreten und taucht sie in ein silbernes Licht, als wären sie ein Gemälde. Die Felsen der Berge reflektieren diesen Schein, und manchmal sieht man einen der Bewohner sich aus dem Fenster lehnen und eine Silbermünze im Mondlicht umdrehen – nach einem alten Aberglauben soll das Glück bringen.

Robert Graves, der in Deià lebte und starb, war einer der großen Theoretiker der Ortschaft. Er spekulierte über den „magnetischen Einfluss“ des Berges auf die Kreativität der Menschen. Und er verbreitete die Legende, dass dort, wo heute die Kirche und der Friedhof liegen, einstmals ein prähistorischer Tempel zu Ehren des Mondes stand. Vollmond in Deià.

Der Mythos ist eine andere Dimension der Dinge. Aus der Sicht des Alltags können wir diese Dimension nicht wahrnehmen. Wir leben in unserer Realität, und denken, alles ist völlig normal. Aber wenn Geschichte geschrieben wird, ändert das alles. Uns wird klar, dass das, was wir erlebt haben, ein einzigartiger Meilenstein war, eine Episode für die Nachwelt. Und wir wussten es beizeiten nicht zu schätzen! Wie vielen Menschen es wohl so ergangen ist.

In den 80er Jahren fuhr ich regelmäßig nach Deià. Ich verbrachte fast jede Woche einige Stunden im Ort, aß im Can Jaume, trank einen Kaffee im las Palmeras und ging in der Bucht oder in Llucalcari baden. Das war für mich das Normalste der Welt.

Heute erinndert das schlichte hrab des autors von “Die weisse göttin” und “Strich drunter!” ein weing an die grabstätten muslimischer eremiten. Einfach, spartanisch, immer mit blumen oder darbringungen

Robert GravesWenn ich heute den Friedhof Deiàs besuche, dann wird mir bewusst, wie außergewöhnlich diese Zeit war. Denn viele Gestalten, denen ich begegnete, die am Nebentisch saßen, sind heute Teil einer Legende. Wie eine wundersame spirituelle Gemeinschaft leben sie am Friedhof unter dem Vollmond Deiàs weiter.

Der große Guru des damaligen Deiàs war natürlich Robert Graves. Von seinem Wohnhaus Can Alluny aus übte er eine Art Pontifikat aus. Robert Graves war eine Autorität, die Einfluss auf andere hatte. Man traf ihn nicht oft, denn er war damals schon ziemlich alt. Aber ich erinnere mich, ihn in den 70er Jahren noch in der, Deià-Uniform“ durch die Straßen gehen gesehen zu haben: breitkrempiger Hut, weites Hemd und die „Senalla“, die mallorquinische Korbtasche über der Schulter.

Sein Sohn William erzählt, dass sein Vater, wenn er Geldprobleme hatte, bei Vollmond zum Fenster ging. Er drehte eine Silbermünze im Mondlicht. Und es funktionierte: Mit „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“ hatte er großen Erfolg.

Der grosse guru des damaligen Deiàs war natürlich Robert Graves. Von seinem wohnhaus Can Alluny aus übte er eine art pontifikat aus. Robert Graves war eine autorität, die einfluss auf andere hatte

Robert Graves

Ich kann mich noch genau daran erinnern, als Robert Graves 1985 starb. Ich sollte für die Zeitung über die Beerdigung berichten und werde nie das Bild vergessen, wie die Familienangehörigen seinen Sarg trugen. Es war eine kalte Dezembernacht, der Mond war von Wolken verschleiert, die Hunde jaulten.

Heute erinnert das schlichte Grab des Autors von „Die weiße Göttin“ und „Strich drunter!“ ein wenig an die Grabstätten muslimischer Eremiten. Einfach, spartanisch, immer mit Blumen oder Darbringungen.

Ich gehe im Friedhof von Deià umher, und es erscheint mir unmöglich, dass all die Namen, die ich hier lese, nur noch Erinnerung auf einfachen Grabmälern sind. Es sind alles Persönlichkeiten, die ich im Deià von damals kannte. Wie der Maler Joan Miralles, der im herrschaftlichen Haus Can Fusimany lebte. Oder Ulrich Leman, Urheber eines fremdartigen und lichtdurchfluteten Expressionismus. Er starb im Alter von 102 Jahren. Man sah ihn immer mit Hut, schweigend, sphinxhaft. Wenn er sein Haus in den Bergen einmal kurz verließ, war er stets in Begleitung seines treuen Pepe, der auf ihn aufpasste.

Am Tisch nebenan traf man Norman Jewison, der mit dem Kaffeesatz Zeichnungen anfertigte. Kevin Ayers war auch unterwegs mit seiner Pose eines Rockstars, immer mit einem Blick auf die Frauen, die an den anderen Tischen saßen. Oder der große Gitarrist, der ihn begleitete: Ollie Halsall. Mit seiner Nickelbrille und der langen Mähne liebte er es, unter die Leute zu gehen. Er starb jung an einer Überdosis, in der Calle de la Amargura, der Straße der Bitternis Nummer 13 in Madrid.

Claribel Alegría, Aurora Bernárdez, die witwe von Julio Cortázar, musiker wie Mike Oldfield, Eric Burdon oder Joan Graves erfüllten die nächte in Deià mit licht und schaffenskraft. Es war eine andere welt, ganz anders als die jetzige. Es war ein anderes Deià

Es war schwierig, nicht auf William Waldren zu treffen, energiegeladen und enthusiastisch. Er trieb Ausgrabungen voran und gründete das Museum in Deià. Man sah Frederic V. Grunfeld mit seiner Familie. Seine Biografie über Rodin wurde ein Meisterwerk. Aber auf gewisse Weise kostete sie ihn auch das Leben. Er starb auf der Rückreise von New York, wo er das Buch vorgestellt hatte.

Eine beeindruckende Erscheinung war Mati Klarwein. Groß und imposant, mit Hut und Korb. Man konnte kaum glauben, dass man an dem Mann vorbeiging, der die Covers für Santana oder Miles Davis gestaltete – und einfach so mit seinen Kindern einen Spaziergang machte, bevor er in sein Refugium in Son Rullan zurückkehrte.

Claribel Alegría, Aurora Bernárdez, die Witwe von Julio Cortázar, Musiker wie Mike Oldfield, Eric Burdon oder Joan Graves erfüllten die Nächte in Deià mit Licht und Schaffenskraft. Es war eine andere Welt, ganz anders als die jetzige. Es war ein anderes Deià.

Als der Vollmond die Profile des Teix hervorhob.

Und in irgendeinem Fenster jemand erschien, um eine Silbermünze umzudrehen.

Carlos Garrido / Archivo DM – Shutterstock

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